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Unterabschnitte

10.2 Gefahren für freie Software

Anfang der 80er Jahre, mit der Geburt der nicht-freien Unixe, der Erhöhung der Unix-Lizenzgebühren seitens AT&T und der Entwicklung proprietärer PC-Systeme zerfiel die erste freie Software-Gemeinde. Zwar ist sie heute in ungeheurer Größe wiedererstarkt, aber trotzdem drohen noch die alten Gefahren, und neue sind hinzugekommen. Der Kern dieser Gefahren heißt Geheimhaltung von Information und Wissen und Schutz allgemeinnützlichen geistigen Eigentums, mit der man der freien Software ihre Grundlage entzieht.

10.2.1 Software-Patente

Patente sind neben dem Urheberrecht die zweite Möglichkeit, geistiges Eigentum zu schützen. Während das Urheberrecht aber nur die konkrete Ausdrucksform eines Werks umfaßt, so schützt das Patent die ihm zugrundeliegende Idee. [51] H. G. Wells Roman Die Zeitmaschine ist copyright-geschützt, die dahinterstehenden Gedanken der Zeitreise kann aber jeder Science-Fiction-Autor ohne Gefahr in seinen Büchern nutzen. Ein Programm zur Verschlüsselung von Daten kann urheberrechtlich geschützt sein, wenn aber der eigentliche Algorithmus, der die Verschlüsselung bewerkstelligt, nicht patentiert ist, kann diesen jeder nutzen, um eine konkurrierende Software zu entwickeln.

In den meisten Fällen sind es große Konzerne, die die nötigen Ressourcen zur Forschung und Entwicklung von patentierfähigen Algorithmen und Rechenvorschriften besitzen. Sie lizensieren sie gegen hohe Summen an andere Firmen und Programmierer. Wenn aber auch einfache und allgemeine Standardverfahren für die Softwareentwicklung patentiert werden können - und der Trend scheint dahin zu gehen -, so gehen dem normalverdienenden Hobby-Programmierer freier Software seine wichtigsten Fundamente Wissen und Information verloren. Wiederbenutzung wird eingeschränkt, das Rad muß neu erfunden werden [52].

Mittlerweile ist es nicht mehr möglich, freie Software zur Bearbeitung von GIF-Grafiken (LZW-Kompressionsalgorithmus der Firma Unisys) oder zur Kodierung von MP3-Musikstücken (Algorithmus zur Kompression von Audiodaten, Fraunhofer-Institut) zu entwickeln, ohne die zugrundeliegenden, patentierten Algorithmen zu lizensieren. Werden die besagten Verfahren ohne Lizensierung trotzdem benutzt, drohen den Entwicklern Schadensersatzklagen in stattlicher Höhe.

Software-Patentierung - in den USA bereits Usus - gelangt nun auch nach Europa [53]. In vielen Fällen sind Patente nützlich, in der hochdynamischen Softwareindustrie aber besteht durch sie die erhöhte Gefahr der Monopolbildung, der Monopole auf Wissen. Diese Methode des Selbstschutzes, der Abgrenzung und das gestiegene Mißtrauen gegenüber der Konkurrenz steht im krassen Gegensatz zum Fundament der Open-Source-Gemeinde, der Kooperation und Offenheit.

10.2.2 Nicht-offene Standards, Formate und Protokolle

Freie Software lebt von offenen Standards, Formaten und Protokollen - insbesondere von denen des Internet -, denn sie sind ihre Kommunikationsschnittstelle. Würden einzelne Unternehmen Eigentum darauf anmelden und sie nach ihrem Gutdünken verändern, käme es zum Chaos. Man stelle sich vor, was passieren würde, wenn jede Eisenbahngesellschaft mit ihrer eigenen Spurbreite für den Schienenverkehr daherkäme (was zu Anfang der Eisenbahnindustrie (und noch heute in geringerem Maße) tatsächlich der Realität entsprach). Übertragen auf das Internet würde dies bedeuten, daß zum Lesen von zehn verschiedenen Web-Seiten drei, vier oder gar zehn verschiedene Web-Browser benötigt würden. Ein Webmaster müßte eventuell zehn verschiedene Server bereitstellen, um eine einzige Web-Seite anbieten zu können. Dieser Aufwand wäre zwar nicht mehr notwendig, würde sich ein Konzern mit seinem Standard oder Protokoll durchsetzen, aber dieser hätte dann uneingeschränkte Macht über das Internet.

Solche Versuche, zu denen auch die proprietäre Erweiterung von offenen Standards gehört (,,embrace and extend``), wurden bereits von Microsoft und Netscape bezüglich HTML unternommen, aber scheiterten glücklicherweise. Auch mit der Erweiterung von Java zur Bindung an die Windows-Plattform hatte Microsoft kein Glück. Gerade wenn es um die so essentielle Infrastruktur im Internet geht, sind offene Standards und Protokolle ohne einen Eigentümer wichtiger Faktor zum Erhalt der Wettbewerbsgleichheit. Letztere wird auch durch proprietäre Dateiformate gefährdet. Ein Office-Paket sollte nicht daran gemessen werden, wie gut es Word-Dokumente einliest. Vielmehr müßten offene Formate für Bild, Ton, Text, Tabellenkalkulation und Präsentation geschaffen werden, deren Unterstützung jeder Hersteller einfach in seine Software einbauen kann [54].

10.2.3 Nicht-offene Hardware

Hardware entwickelt sich bei weitem rasanter als Software. Viele Hersteller tendieren dazu, die Spezifika ihrer Geräte geheimzuhalten, wodurch es sehr schwierig wird, diese für eine freie Plattform wie Linux zu unterstützen. Zwar läßt sich - die nötige Kenntnis vorausgesetzt - durch reverse engineering die Funktionsweise einiger Hardware herausfinden, aber trotzdem bleiben so noch einige Details verborgen. Der Erfolg von Linux hat die Situation ein wenig verändert. Manche Hersteller veröffentlichen nun die Spezifikationen ihrer Geräte, andere entwickeln Treiber als freie Software für Linux selbst. Die Open Hardware Initiative unterstützt diese Aktivitäten.

10.2.4 FUD

Fear Uncertainty Doubt (FUD) ist eine beliebte Taktik in Politik und Wirtschaft, um sich aufstrebender, unliebsamer Konkurrenten zu entledigen. Der Kern liegt dabei in der Veröffentlichung von Berichten, Artikeln, Tests und Studien, die unwahre oder verfälschte Aussagen - meist über den Mitbewerber oder dessen Produkt und häufig auf undurchsichtigen Erklärungen fußend - beinhalten, die den Verbraucher verunsichern oder verängstigen und ihn dazu veranlassen, das vermeintlich minderwertige Produkt nicht zu erwerben.

Freie Software stand schon oft unter dem Beschuß großer Unternehmen wie SCO und Microsoft, die diese Strategie anwenden. Im April 1999 wurde von Mindcraft ein ,,offizielle`` Studie veröffentlicht, in der Linux als Server-System wesentlich schlechter abschnitt als Windows NT. Es stellte sich schließlich heraus, daß die beiden untersuchten Systeme mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen den Test durchliefen und daß die Studie von Microsoft bezahlt wurde.

Bei freier Software handelt es sich aber nicht um einen normalen Konkurrenten. Da sie keinen Hersteller hat, der sich aus dem Markt zurückziehen könnte, fehlen auch die sonst klaren Ziele der FUD-Angriffe. Trotzdem könnten gerade die weniger technikerfahrenen Anwender durch diese Methode verunsichert werden, und somit bleibt sie weiterhin eine Gefahr.

10.2.5 Okkupation

Viele Befürworter von Open Source sehen die Bedrohung, freie Software könnte von Unternehmen okkupiert werden. Sie wäre dann in einem proprietären Produkt eingeschlossen und stünde von da an der Gemeinde nicht mehr zur Verfügung. Bei näherem Betrachten sinkt die Wahrscheinlichkeit dieser Situation. Zum einen gewähren einige der Open-Source-Lizenzen davor Schutz - insbesondere die GPL - zum anderen verschwände mit dem Entzug der Freiheit auch der evolutionäre Entwicklungsprozeß, falls tausenden Entwicklern und Anwendern die Möglichkeit genommen würde, Erweiterungen und Anpassungen zu programmieren oder Fehler zu beheben.

,,If Linux were hijacked - if someone attempted to make and distribute a proprietary version - the appeal of Linux, which is essentially the open-source development model, would be lost for that proprietary version.`` - Linus Torvalds


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Jens Sieckmann 2001-03-06