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Unterabschnitte

9.3 Geschäftsfelder

Die im letzten Abschnitt beschriebenen Modelle müssen in einem oder mehreren Geschäftsfeldern angewendet werden. Von der Entwicklung, über den Vertrieb, Support, Consulting, bis hin zu Büchern und Dokumentation steht dem eifrigen Unternehmer jedes Gebiet offen. Stärker noch als bei proprietäre Software liegt die Goldgrube nicht im Verkauf, sondern in den Dienstleistungen [46].

9.3.1 Entwicklung

In der traditionellen Softwareentwicklung werden Programmierer dafür bezahlt, Software exklusiv für ein Unternehmen zu schreiben. Werden freie Programme erstellt, so ist diese Arbeit auch und gerade für die Allgemeinheit zugänglich. Viele Hacker werden von Unternehmen bezahlt, um freie Software zu schreiben, sei es zu Marketingzwecken, aus technischem Interesse oder aus anderen Gründen. Red Hat errichtete sogar ein ganzes Labor, die Red Hat Developer Laboratories. Auch IBM, Netscape, SGI und Sun bezahlen ihre Mitarbeiter für die Entwicklung freier Software.

Neben den Programmierern als Angestellte können aber auch ganze Firmen von der Softwareentwicklung im Open-Source-Bereich leben, indem sie andere Unternehmen mit individuellen Erweiterungen für freie Software, Anpassungen und Portierungen bedienen, die im allgemeinen sehr gut honoriert werden. Gerade für Selbständige und kleine Firmen ist diese Arbeit durchaus lukrativ und wegen der Unabhängigkeit und der (noch) geringen Konkurrenz risikoarm.

9.3.2 Distribution

Besonders für Linux existiert im Internet mittlerweile ein riesiger Pool freier Software. Zur besseren Übersicht stellen spezielle Unternehmen hunderte von Systemkomponenten, Tools und Anwendungen zu einem konsistenten Paket zusammen, das auch für den technisch weniger interessierten Anwender einfach zu installieren und konfigurieren ist. Ohne diese Distributoren müßte er stundenlang Software herunterladen und diese einzeln installieren, eine kosten- und zeitaufwendige Prozedur, die heute keiner mehr auf sich nehmen will.

Daß der Distributionsmarkt für freie Software boomt, erkennt man daran, daß sich einige Firmen darauf spezialisiert haben, eigene Distributionen von bereits vorhandenen abzuleiten und (mit eigenen Erweiterungen evtl. für ein spezielles Einsatzgebiet) zu verkaufen. Mandrake und Halloween sind zwei Beispiele dafür. Diese Verkaufsstrategien sind in der Welt der proprietären Software von vorneherein ausgeschlossen.

Distributoren verstehen sich nicht als Softwarehersteller, sondern eher als eine Art Montagefabrik. Genau wie ein Automobilhersteller aus tausenden Einzelteilen ein funktionierendes Fahrzeug baut, so setzen Red Hat, S.u.S.E. und Co. aus diversen Programmbausteinen ein laufendes Betriebssystem samt Anwendungen zusammen.

9.3.3 Verkauf von Software

Eine etwas abgeschwächte Variante der Distribution stellt der reine Verkauf von freier Software dar. Hier fließt kaum oder keine Dienstleistung in die gepreßte CD ein. Trotzdem bietet er noch den Mehrwert für den Nutzer, die Software nicht aus dem Internet laden zu müssen. Als Zwischenhändler und Reseller verkaufen heute zahlreiche Kaufhäuser und Buchhandlungen die beliebten Linux-Pakete von Red Hat und S.u.S.E. Walnut Creek veräußert und fördert die Distribution des freien Unix-Derivats FreeBSD.

9.3.4 Verkauf von Hardware

Die Aneignung des Modells aus Abschnitt 6.2.5, also die Nutzbarmachung von freier Software zur Unterstützung einer Hardwareplattform findet sich in den Unternehmensstrategien von VA Linux Systems und Cobalt wieder. Cobalt beispielsweise baut aus den Komponenten eines handelsüblichen PCs und einiger freier Software wie Linux und Apache einen erfolgreichen, bunt gestylten Intranet-Server mit komfortabler Bedienung per Browser. VA Linux Systems verkauft seine Systeme mit vorkonfiguriertem Linux. IBM, Compaq und Dell rüsten ihre Server-Systeme ebenfalls mit Linux aus. Die Hardware ist nicht das Verkaufsargument der Hersteller, es ist die damit verbundene Dienstleistung, der erfolgreiche Name der Firma und die steigende Popularität freier Software.

9.3.5 Support

Support im Sinne von Wartung und Pflege ist ein Zukunftsmarkt für Open-Source-Software. Da die informelle Unterstützung von Entwicklern und Anwendern in Newsgroups im Internet von IT-Verantwortlichen oft überhaupt gar nicht erst in Erwägung gezogen wird, wächst der Bedarf nach professionellem Support für freie Software proportional zu ihrer Verwendung. Wird sie auch mehr und mehr in Behörden, kleineren Unternehmen und Büros, in denen nur wenig Computerfachpersonal arbeitet, eingesetzt, so steigt der Bedarf noch stärker an. Dort wird schnell aus Zeit- und Kompetenzmangel zum Telefonhörer gegriffen und Abhilfe verlangt.

Neben dem Telefonsupport kann auch E-Mail- und Vororthilfe angeboten werden. Abgestimmt auf die jeweils zu unterstützende Firma können verschiedene Vertragsmodi unterschiedlicher Befristungen aufgestellt werden. Für kleinere Organisationen böte sich beispielsweise die Bezahlung pro Anruf/E-Mail an, mit größeren Unternehmen könnte man Quartals- oder Jahresverträge abschließen, die Service auf Abruf beinhalten.

Da kein Monopol auf einzelne freie Software besteht und die Kontrolle über sie nicht bei einer einzelnen Organisation liegt, ist es ohne weiteres möglich, daß mehrere Firmen Support für ein und dasselbe Produkt anbieten. So bietet Open Source mehr Raum für Wettbewerber im Markt und der Kunde profitiert von einer größeren Auswahl an Dienstleistungen.

9.3.6 Consulting

Seit einiger Zeit erwägen die großen Consulter, freie Software in ihr Programm miteinzubeziehen. Der Markt im traditionellen Consulting-Geschäft mit Hard- und Software ist noch nicht gesättigt, denn mit der rasant zunehmenden Technikvielfalt wird eine gute Beratung immer wichtiger. Mit freier Software käme eine neue Facette hinzu.

Neben der rein beratenden Tätigkeit könnte auch eine entsprechende Evaluierung angeboten werden. Geht man noch einen Schritt weiter, ist man bei der Entwicklung von Lösungskonzepten und schließlich der Einführung eines neuen Systems.

9.3.7 Seminare/Schulungen/Konferenzen

Seminare und Schulungen im Zusammenhang mit proprietärer Software gibt es zuhauf. Wird ein neues Produkt eingeführt, so gehört dazu auch eine Schulung der Anwender (vom Hersteller). Seminare dagegen sind oft allgemeiner gehalten und werden von unabhängigen Organisationen veranstaltet, angefangen von der Volkshochschule bis hin zu spezialisierten EDV-Dienstleistern.

Im Open-Source-Sektor ist diese Form der Informations- und Wissensvermittlung noch alles andere als Usus. Vorreiter in dieser Rolle ist der IT-Verlag O'Reilly, der sich aktiv an der Promotion von freier Software beteiligt. Er veranstaltet Konferenzen, an denen so berühmte Verfechter von Open Source wie Eric Raymond, Brian Behlendorf und Larry Wall teilnehmen. Neben den eher technischen Linux-, Apache- und Perl-Konferenzen richtet O'Reilly auch eine geschäftsorientierte Konferenz aus, in der Vorträge gehalten werden, die den allgemeinen Einsatz von freier Software in Unternehmen, die Finanzierung einer Open-Source-Firma, Lizenzmodelle und vieles mehr behandeln.

In kleinerem Rahmen können solche Veranstaltungen, insbesonderer Seminare, ein lohnendes Geschäft auch für ein sehr junges Unternehmen sein. Voraussetzung dafür ist neben der fachlichen Kompetenz für das jeweilige Thema auch ein pädagogisch-didaktisches Talent und eine gute Präsentation.

9.3.8 Sonstige Dienstleistungen

Weitere Serviceleistungen bieten sich in den Kategorien Installation und Konfiguration an. Die Firma Lunetix installiert Linux-Systeme und betreut sie. Einrichtung von Internet und Intranet auf Basis freier Software, Migrationen oder ganze Komplettlösungen sind ebenfalls ein Geschäftsfeld. Gerade letzteres wird zunehmend von Kunden verlangt. Statt nur die Technik einzukaufen, möchten sie viel lieber ein interessantes Lösungskonzept in den Händen halten, das in ihrer Produktionsumgebung sinnvoll umgesetzt werden kann.

9.3.9 Bücher/Dokumentation

Wenn die begleitende Dokumentation zu einer freien Software nicht gut oder ausführlich genug ist - ein häufiger Fall -, so verlangt der Anwender Abhilfe. Open-Source-Software wird künftig - wie bei nicht-freier Software schon seit Jahren geschehen - auch von Nicht-Spezialisten eingesetzt werden. Hier ist grundlegender Aufklärungsbedarf ebenso wie weiterführende und übergreifende Literatur gefragt.

IT-Verlage wie Addison-Wesley und insbesondere O'Reilly haben diese Lücke erkannt und bringen Bücher über freie Software heraus, die in den Verkaufszahlen häufig die über proprietäre Software weit hinter sich lassen. In dieser Branche ist seit ein paar Monaten ein interessanter Trend entstanden: Statt daß die Verlage ihre eigenen Autoren einsetzen oder fremde für sich schreiben lassen, nimmt man frei verfügbare Dokumentation, stellt sie zusammen, druckt sie in Buchform aus und verkauft sie. Das GIMP-Handbuch und einige der bekannten Linux-Howtos gelangten so in die Regale der Buchhändler. Die Vorteile für den Leser sind ähnlich wie die des Anwenders von Softwaredistributionen. Er braucht sich die Dokumentation nicht aus dem Internet herunterzuladen, geschweige denn wohlformatiert auszudrucken; schlicht und ergreifend Zeit- und Aufwandsersparnis.

9.3.10 Online-Magazine/Online-Dienste

Aktive Gemeinden, wie sie um freie Software entstehen, verlangen nach aktuellen und ausführlichen Informationen. Neueste Trends und Entwicklungen müssen beobachtet, weiterführende Berichte geschrieben und Interviews geführt werden. Statt aber daraus ein relativ kostenaufwendiges, gedrucktes Magazin zu erstellen, bietet es sich an, als Online-Dienst zu fungieren. Slashdot hat bewiesen, daß sich in diesem Feld ein ergiebiges Geschäft aufbauen läßt. Die Web-Site slashdot.org ist stark frequentiert und ihre Mutterfirma Andover ging im September 1999 an die Börse.

Linux-Magazine finden sowohl in ihrer Online- als auch in ihrer gedruckten Version immer mehr Leser. Im deutschsprachigen Raum ist der Pionier, das Linux-Magazin, nicht mehr allein auf weiter Flur. Die werbetreibende Industrie scheint nun auch freie Software in großem Maße zu entdecken, und Werbung ist die Haupteinnahmequelle der Magazine und Online-Dienste.

9.3.11 Accessoires

Auch wenn freie Software den akademischen Schuhen entwachsen ist und das ernste Business erobert, so wird es doch für die meisten Entwickler und Anwender ein Hobby bleiben. Eine solche Fan-Gemeinde benötigt Fan-Artikel. Als kleines Nebengeschäft bieten Buchhandlungen, Verlage, Distributoren und andere Firmen T-Shirts, Mousepads, Tassen und Schlüsselanhänger an; Merchandising in kleinem Rahmen.

9.3.12 Mischformen

Fast alle Unternehmen, die in der Open-Source-Branche zu finden sind, betätigen sich auf mehreren der eben erwähnten Geschäftsfelder. Red Hat ist nicht nur Distributor, sondern auch Entwickler, Supporter und Consulter. Cygnus entwickelt eigene Programme auf Basis vorhandener, freier Software und bietet dazu Support an. Linux Mall ist ein Online-Warenhaus für alles rund um Linux. Corel und Cobalt bauen Server-Systeme mit freier Software, warten und pflegen sie. O'Reilly verkauft Bücher, veranstaltet Konferenzen und fördert Open-Source-Software. All diese Beispiele beweisen, daß es sehr wohl möglich ist, mit freier Software Geld zu verdienen. Ob daraus ein eigener, lukrativer Markt erwächst, der in Konkurrenz zur proprietären Software steht, wird die Zukunft zeigen.


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Jens Sieckmann 2001-03-06